Wie „asiatische Küche“ Berliner Küche wurde: Die Berliner Food-Szene im Wandel
Ich bin Ende der Neunzigerjahre in Kapstadt aufgewachsen, umgeben von einer außergewöhnlichen Vielfalt an Kulturen und Küchen.
Für meine Familie hieß das: Gewürze bei der indischen Aunty um die Ecke holen, die genau wusste, was man brauchte, Chicken Liver Peri-Peri an einem portugiesisch-mosambikanischen Imbiss essen, bis einem die Augen tränten, oder quer durch die Stadt zu einem chinesischen Restaurant fahren, das eher wie eine Schulaula aus den Siebzigern aussah.
Die Besitzerin hatte ihre ganz eigene Art von Gastfreundschaft. Sie kam an unseren Tisch, musterte jeden von uns misstrauisch und verkündete: „Du nimmst das. Du bekommst das hier. Und du, junger Mann, bekommst Sweet and Sour Chicken.“ Dann verschwand sie wieder in den Tiefen der Küche. Bestellen musste man hier offenbar nicht – sie wusste es ohnehin besser.
Und natürlich hatte sie immer recht.
Das war das Kapstadt, in dem ich aufgewachsen bin: afrikanische, malaiische, indonesische, indische, chinesische, thailändische, arabische, japanische, portugiesische und andere europäische Einflüsse, um nur einige zu nennen – alles zusammen in einer lebendigen Stadt.
Jahrzehnte später löst Berlin bei mir noch immer dieselbe Begeisterung aus – und erklärt vielleicht auch meinen leicht verbrannten Gaumen.
Berlin und Kapstadt haben nicht unbedingt besonders viel gemeinsam. Aber auch hier in Berlin schafft Essen etwas, das mich an Kapstadt erinnert: Was einmal „fremd“ oder „exotisch“ erschien, gehört irgendwann ganz selbstverständlich zum Alltag.
Es sind einfach Orte geworden, an denen wir essen.
Die vietnamesische Küche ist dafür vielleicht das beste Beispiel. Mittags Pho mit Kolleg:innen, ein Bánh mì unterwegs oder nach der Arbeit noch eine Schüssel Nudeln – für die meisten Berliner:innen fühlt sich das längst nicht mehr wie ein Ausflug in eine andere Küche an. Ähnliches gilt für koreanisches, thailändisches und japanisches Essen. Diese Restaurants gehören heute einfach zur Stadt: der Laden im Kiez, der Lunch-Spot, der verlässliche Ort um die Ecke. So selbstverständlich ist ihr Einfluss inzwischen, dass Alexandra Laubrinus von der Berlin Food Week einmal ganz bewusst die provokante These aufstellte: „Die wahre Berliner Küche ist vielleicht vietnamesisch.“
Dahinter steckt natürlich eine längere Geschichte. Die vietnamesische Community prägt Berlin seit Jahrzehnten – und mit ihr Restaurants, Geschäfte, Handel und Orte wie das Dong Xuan Center. Die vietnamesische Esskultur, die heute ganz selbstverständlich zu Berlin gehört, ist also lange gewachsen und kein neuer gastronomischer Trend.
Was mich aber wirklich interessiert: Was passiert danach? Wenn eine Esskultur längst in einer Stadt angekommen und Teil von ihr geworden ist.
Von „asiatischer Küche“ zu Isaan, Sichuan & Zigong
„Asiatische Küche“ ist manchmal noch eine praktische Sammelbezeichnung. Aber je genauer man sich die Berliner Food-Szene anschaut, desto weniger erzählt dieser Begriff darüber, was hier tatsächlich passiert. Spannend wird es dort, wo es spezifischer wird: Aus thailändischer Küche wird Isaan oder südthailändische Küche. Aus chinesischer Küche wird Sichuan – und aus Sichuan wird die Küche von Zigong.
Gleichzeitig – und genau das finde ich besonders spannend – wollen sich Köch:innen und Gastronom:innen, die selbst mit mehreren kulturellen Einflüssen aufgewachsen sind, immer weniger darauf festlegen, welche davon ihr Restaurant eigentlich repräsentieren soll.
Bei Fukagawa Ramen bringt Leonardo Tsubasa Donati seine japanischen und italienisch-deutschen Wurzeln zusammen. Und in ihrem neuen Fukagawa Fine-Dining-Restaurant in der Fichtestraße geht er noch einen Schritt weiter: Gemeinsam mit Küchenchef Felix Thoms interpretiert er die Aromen und Traditionen japanischer Ramen mit klassischen französischen Techniken neu.
In Friedrichshain entwickelte sich Gaan Kitkosons Khao Taan von Pop-ups und Street-Food-Märkten zu einem Restaurant rund um die familiäre thailändische Esskultur, die er von seiner Großmutter kennt.
Und dann laufe ich an einem entspannten Samstagmorgen durch Prenzlauer Berg und lande bei Kape de Filipina, einem philippinischen Specialty-Coffee-Shop, der Single-Origin-Kaffees aus Regionen anbietet, von denen ich vorher noch nie gehört hatte: Mindanao, Mount Apo und Cavite. Das macht mich tatsächlich glücklich. Nicht weil es exotisch wirkt – sondern gerade weil es das nicht tut.

Für mich geht es dabei nicht um sogenannte Fusion. Ich finde dieses Wort inzwischen fast ein bisschen zu einfach. Mich interessiert die Freiheit, aus Kindheitserinnerungen und Familientraditionen zu kochen, aus Orten, an denen man gelebt oder die man bereist hat, aus Techniken, die man in einer anderen Küche gelernt hat – und aus der Stadt, die man heute sein Zuhause nennt. All diese Einflüsse können in einem Restaurant zusammenkommen, ohne daraus erst eine Marketingkategorie machen zu müssen.
Ähnliche Entwicklungen sieht man auch anderswo auf der Welt. Lima in Peru ist vielleicht eines der faszinierendsten Beispiele. Generationen japanischer Einwanderung haben die Nikkei-Küche mitgeprägt, chinesische Migration brachte Chifa hervor. Heute sind beide ganz selbstverständlich mit der peruanischen Esskultur verwoben, statt als etwas Fremdes daneben zu stehen.
Und diese Bewegung zeigt sich weltweit in ganz unterschiedlichen Formen. Der Michelin Guide beschreibt das weitere Wachstum ost- und südostasiatischer Küchen als einen der Trends, die London 2026 prägen. In Kopenhagen ist von einer „neuen asiatischen Welle“ die Rede, während in den Niederlanden eine neue Generation indonesischer und indo-niederländischer Köch:innen regionale Traditionen und eine kulinarische Identität neu betrachtet, die eng mit der Kolonialgeschichte des Landes verbunden ist.
Gute Gastronomie erzählt heute immer genauer, woher sie kommt, und macht sich gleichzeitig immer weniger Gedanken darüber, wo sie vermeintlich hingehört.
Berlin mit seinen vielen internationalen Communities, seiner kreativen Unruhe und seinem ständigen Drang, sich neu zu erfinden, scheint für genau diese Entwicklung wie gemacht.
Vielleicht hat all das für mich schon damals in Kapstadt angefangen – als pickeliger Junge am Strand, der glücklich einen Teller Langustinen mit Zitronen-Knoblauch-Butter direkt vom Braai verschlungen hat.
Essen hat mir früh gezeigt, dass Kulturen nicht innerhalb der Grenzen bleiben, die wir um sie ziehen. Rezepte reisen, Generationen interpretieren sie neu, Ideen entwickeln sich weiter – und irgendwann wird etwas, das einmal von irgendwo anders kam, einfach Teil des eigenen Kiezes.
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